50 Jahre Farbfernsehen: Meine Erinnerungen

Testbild

Wir hatten einen Röhrenfernseher mit kleiner Diagonale. Er stand im Wohnzimmer auf einem Tisch, der, rötlich-dunkelbraun lackiert wie der Rest unserer Möbel, stolz zu glänzen schien. Vor dem Sendebeginn war die „Mira“ zu sehen, das Testbild. Dann kam die Flagge, der rumänische „Tricolor“. Die Hymne ertönte. Ich sang mit.

Mein Vater sagte, ich möge so lange ins andere Zimmer gehen. Das kümmerte mich nicht. Ich salutierte während der Hymne. Vermutlich hatten wir es im Kindergarten gelernt, oder meine Eltern hatten es mir beigebracht. Ich mochte das Salutieren. So verhält es sich bis heute mit dem Handschlag.

Einmal erschien mein Vater im Fernsehen. Er interviewte jemanden und ich auf unserem heimischen Sofa erschrak. Nicht weil ich gedacht hätte, er steckte in dem Kasten, sondern weil er sich den Beitrag mit uns gemeinsam anschaute.

Ein anderes Mal waren Verwandte zu Gast, meine Oma und Tante väterlicherseits. Es war Winter, kurz zuvor muss ich in den Kindergarten gekommen sein. Im Fernsehen lief in Schwarzweiß ein Beitrag aus einem anderen Kindergarten. Weihnachten gab es bei uns nicht, nur Väterchen Frost, der allerdings erst am Neujahr vorbeikommen sollte. In dem Kindergarten aus dem Fernsehen hingegen war er schon jetzt zu sehen; dünn, in einem rot-weißen Kostüm, mit Zipfelmütze und einen Jutesack über der Schulter. Eine Köchin reichte den Kindern süßes Gebäck. Zu meinem Erstaunen kam sie mit ihrem vollen Tablett zu jedem einzelnen Kind. Ob es für alle reichte? Ich ging schnell auf den Fernseher zu und hielt meine Hand hin. Weil die Frau mich offenbar nicht gesehen hatte, denn sie schlug eine andere Richtung ein, forderte ich sie auf: „Gib mir bitte auch!“

Alles lief in Schwarzweiß, nicht nur im Fernsehen. Trotzdem pflegte meine Oma, die Mutter meiner Mutter, alles, was bunt war, „în culori“ zu nennen: „in Farbe“. Der technische Fortschritt in der Fotografie muss sie beeindruckt haben. Ich fand den Ausdruck rührend und schämte mich trotzdem etwas für meine Oma, denn obwohl ihr Ausdruck sich auf den Fortschritt bezog, wirkte er alt.

Auch später habe ich häufig an meine Oma gedacht. Sie stammte aus einem Dorf südlich von Bukarest, nah an der Grenze zu Bulgarien, und zog später in eine benachbarte Kleinstadt, Giurgiu. Meine Großmutter war Bäuerin gewesen und hatte seinerzeit nur die Grundschule besucht. Erst im Zuge der Alphabetisierung, die der frühe Kommunismus aufs Land brachte, lernte sie richtig lesen und schreiben. Da hätte man sie mit fünfzig Jahren schon als alte Frau bezeichnen können.

Mit einundsiebzig Jahren kam sie in die Hauptstadt zu uns. Mein Vater bestand darauf. Seine Schwiegermutter sollte im Alter nicht alleine sein. Sie würden über solche Geschichten Reportagen drehen, meinte er zu meiner Mutter, die sich ursprünglich weigerte, mit ihrer Mutter die Wohnung zu teilen. Über Kinder, die in die Stadt zögen und die alterskranken Eltern zurückließen.

Während der Schwangerschaft willigte meine Mutter doch ein. Kurz nach meiner Geburt zog Oma zu uns. Da meine Mutter fünf Monate später wieder arbeiten ging, übernahm sie meine Erziehung, zunächst mit einer Tagesmutter zusammen. Ich war ein lebhaftes Kind und hielt beide auf Trab. Meine Eltern waren spät Eltern geworden. Sie waren ängstlich und überfürsorglich. Die beiden Frauen hatten die Anweisung, mich nicht aus den Augen zu lassen. Um sich Ruhe zu erkaufen, brachte mir Oma das Lesen und Schreiben bei. Dieser zufällig entstandene Plan übertraf alle Erwartungen: Ab da las ich praktisch nur noch bis zu meiner Einschulung. Bis heute erinnere ich mich an meine Kinderbücher.

Das Glück meiner Kindheit verdanke ich also jemandem mit wenig Schulbildung. Aber auch die anderen, die Erziehungsberechtigten waren glücklich. Bald wurde die zusätzliche Tagesmutter nicht mehr benötigt.

Meine Eltern sparten schon immer, wo sie konnten. Mein Vater bekleidete eine nicht unwichtige Position im Rumänischen Rundfunk und hatte mehrere Hörstücke und ein Fernsehstück geschrieben. Davon konnten meine Eltern unsere Wohnung schneller abbezahlen und offenbar auch etwas beiseitelegen. Das habe ich erst im Nachhinein erfahren, damals bekam ich nichts davon mit.

Doch ich erinnere mich, dass ich sehr staunte, als mein Vater sagte, ich sollte mir niemals etwas einbilden, sondern zu allen Menschen immer nett und freundlich sein, ob Schulleiterin oder Putzfrau. Worauf einbilden? Ich verstand es nicht, und fragte meinen Vater, warum er etwas so Selbstverständliches betonen müsse.

Mir etwas auf unsere Familie einzubilden, wäre mir auch sonst nicht eingefallen. Denn meine Mutter, die Biologielehrerin, war als Schulleiterin in einem Dorf tätig, eine Fahrstunde von Bukarest entfernt. Sie pendelte, ging um 5 Uhr morgens aus dem Haus und kam erst um 7 Uhr abends wieder. Tagein, tagaus, 22 Jahre lang. Sie war länger weg als die Mütter aller meiner Mitschüler. Ich vermisste sie immer; manchmal, als sie ausnahmsweise doch später aufbrach, das geschah vielleicht dreimal im Jahr, hatte ich beim Abschied so etwas wie ein Loch im Herzen, eine Leere, die sich zu öffnen und mich zu verschlingen drohte. Im Schlaf hörte ich manchmal ihre Absätze in unserem schwarz-weiß gekachelten Flur, wenn sie sich im Bad fertigmachte. Das waren die glücklichen Tage, denn da sprang ich auf und erwischte sie gerade noch rechtzeitig, um Tschüs zu sagen. An allen anderen Tagen verpasste ich sie. Und doch: Als sie abends wiederkam, erzählte sie detailreich von ihrem Tag bei der Arbeit. Wie sie früh am Morgen gehört hatten, dass eine Inspektion zur Kontrolle unterwegs sei und mittags eintreffe; wie sie alle aufgeschreckt waren, sagen wir mal, die frisch gewaschenen Gardinen hingen ja noch nicht wieder am richtigen Platz; wie die Putzfrauen ganze Arbeit leisteten und die Gardinen noch extra bügelten; wie alle zupackten; wie der Inspektor die Schule bewertet hatte: „Sie kann sich mit einem Bukarester Gymnasium messen. Gratulation.“ Es waren aufregende kleine Filme, die sich in meinem Kopf dazu abspielten, als meine Mutter meinem Vater davon erzählte. Doch vor allem sah ich ihre Augen, die leuchteten. Mein Vater hörte zu, sie sprachen ausführlich darüber, manchmal half er ihr sogar, irgendwelche Artikel über „durchgeführte Aktivitäten“ für die Zeitung der Schule zu verfassen. Er selbst erzählte nicht von seiner Arbeit.

Bei allen emotionalen Entbehrungen, die ich wegen ihrer Abwesenheit erleiden musste, war ich auf meine Mutter am meisten stolz.

Nach dem Fall des Kommunismus 1989 öffneten sich die Märkte, die Privatisierung kam. Viele fingen Geschäfte an, investierten ihr Geld. Auf diesem Gebiet fühlten sich meine Eltern wie Außerirdische. Sie taten nichts. Über Nacht entwerteten sich ihre gesamten Ersparnisse: Alles, wofür meine Eltern sich ihr Leben lang angestrengt hatten, verschwand mit einem Mal. Vorher hatten sie anscheinend das Geld für eine zweite Wohnung gehabt; sie durften diese nur nicht kaufen, bevor ich achtzehn war, denn man durfte nur für den Eigenbedarf kaufen. Ich war sieben Jahre zu jung gewesen. Ein Jahr später reichte ihr Geld für vier Autoreifen. Wir hatten eine Dacia 1300, also ein älteres Modell; mein Vater hatte vorher (wie viele andere auch) für ein neues Auto eingezahlt und stand auf einer langen Warteliste. Alles war knapp gewesen, Autos auch. Nachher war auch diese Einzahlung weg. Schließlich verkaufte er unser Auto. Er litt an Diabetes, seine Augen wurden immer schlechter. Meine Mutter überredete ihn zum Verkauf.

Immer, wenn er später meiner Mutter sagte, dass sein Leben umsonst gewesen war, dass er mir nicht „ins Leben hatte helfen können“, wie er es vorgehabt hatte, fragte er: „Was außer dieser Wohnung bleibt ihr?“

Er dachte, die Wohnung wäre das Einzige, was er für mich und überhaupt aus seinem Leben gemacht hatte. Ein Irrtum. Die Wohnung bedeutet mir deswegen trotzdem viel. Es wäre sinnvoller, sie zu verkaufen. Aber ich kann nicht.

Eine Dreizimmerwohnung, unweit vom Rumänischen Fernsehen gelegen.

Unser Wohnzimmer sieht exakt so aus wie damals. Es steht unbelebt. Wenn ich dahin fahre, ist alles wie damals. Nur verblichen. Die gelben Fliesen in der Küche durch Feuchtigkeit verformt. Die Spuren von Erdbeben an den Wänden. Alles so alt wie ich, denn das 9-stöckige Wohnhaus wurde im Jahr vor meiner Geburt fertig.

Doch die Möbel sehen neu aus. Der rötlich-dunkle Lack schüchtert mich mit seinem ungebrochenen Glanz noch immer ein. So haben meine Eltern gelebt. Sorgsam aufgepasst.

Das Gleiche gilt übrigens für meine Geschenke von Väterchen Frost. Im Gegensatz zu anderen Kindern hatte ich immer tolles Spielzeug zum sogenannten Winterfest bekommen. Mein Vater brachte mir häufig etwas von seinen Auslandsdienstreisen mit. Vor allem aus China. Ich hatte eine große rumänische Puppe, die ursprünglich größer gewesen war, als ich, einen tschechoslowakischen Rettungswagen, eine tolle rote chinesische Limousine. Aber am Ferienende musste ich alles zurückgeben. Das Spielzeug wurde bis zum nächsten Jahr eingelagert, damit es nicht kaputt geht. Es wartete wohl genauso sehnsüchtig wie ich auf die nächsten Winterferien.

Das Spielzeug fand ich nach dem Tod meines Vaters beim Aufräumen wieder. Es ist fast unberührt. Wenigstens dieses Spielzeug ist, wenn man dem Anschein glaubt, keine Sekunde gealtert.

Nur eines hat sich mittlerweile geändert. Der Fernseher, auch ein Röhrenfernseher, diesmal nur etwas größer und in Farbe, ist seit vielen Jahren kaputt. Wir sind die Einzigen im Haus ohne Kabelfernsehen, und die Antenne von damals erhält mittlerweile keinen Empfang.

Jedes Mal, wenn ich da bin, schalte ich den Fernseher trotzdem einmal ein.

Werbeanzeigen

6 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s